Lernen ermöglichen

Freilernen braucht Vielfalt

Stellt euch mal vor, wir wären alle gleich. Wir hätten alle die gleichen Ansichten, die gleichen Wünsche, die gleichen Probleme, den gleichen Beruf, ja sogar das gleiche Lieblingsessen. Wäre das nicht furchtbar langweilig?!

Eine Welt, in der alle gleich wären, wäre ziemlich eintönig und würde wohl auch kaum viele Lernmöglichkeiten bieten. Wenn wir immer nur dem begegnen würden, was wir eh schon kennen, würden wir uns höchstwahrscheinlich auch selbst nie in all unserer Vielfalt und unserem Facettenreichtum kennenlernen. Wir würden uns auf das beschränken, was offensichtlich ist und das, was da noch so alles versteckt in uns schlummert, nie entdecken. Wir würden nur äußerst selten überrascht und inspiriert werden, durch das, was andere tun, was wir irgendwo sehen oder lesen oder was wir in einem Gespräch hören.

Durch gesellschaftliche Vielfalt entstehen Lernmöglichkeiten. Wenn man an einen Ort kommt, an dem man noch nie war oder auch wenn man durch die eigene vertraute Straße mit offenen Augen und Ohren geht, begegnet einem Neues. Dinge, die man noch nie gesehen hat, Menschen, denen man noch nie begegnet ist, Musik, die man noch nie gehört hat und Essen, das man noch nie probiert hat. Ist das nicht alles wunderbar aufregend und inspirierend? Lernt man dadurch nicht vielleicht Dinge kennen, von denen man gar nicht wusste, dass sie einem gefallen oder dass man ein Talent dafür hat? Oder trifft Menschen, die einem Sachen erzählen, über die man sich noch nie Gedanken gemacht hat? Die vielleicht auch die eigene Meinung mal auf den Kopf stellen und einen neuen Blickwinkel zulassen?

Wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Standpunkten und Perspektiven sich in respektvoller Diskussion begegnen, dann können alle Beteiligten etwas dabei lernen. Das bedeutet nicht, dass man die Meinung eines anderen übernehmen muss. Doch man kann neue Blickwinkel und Einsichten gewinnen; man kann etwas mal so betrachten, wie man es noch nie zuvor betrachtet hat und man kann neue Zusammenhänge entdecken. Am Ende kann man vielleicht sogar erkennen, dass man auf menschlicher Ebene gar nicht so unterschiedlich ist, wie man anfangs möglicherweise geglaubt hat.

Vielleicht stellt man auf so einer Reise in die Vielfalt auch fest, dass man so manches andere ganz und gar nicht mag. Dass es Dinge gibt, die einem nicht gefallen und Menschen, bei denen man sich nicht wohlfühlt. Aber ist dies nicht auch eine wichtige Lernerfahrung? Etwas zu erleben, das einem nicht zusagt; zu erkennen, was einem nicht gefällt oder was man nicht gut kann; festzustellen, mit welchen Menschen man sich  nicht weiter beschäftigen möchte. Hätte man sich von Anfang an gegen diese Begegnungen verschlossen, wäre einem mit Sicherheit so manche wertvolle Lernerfahrung verwehrt geblieben!

Wir haben es nicht immer in der Hand, wann wir solchen Situationen begegnen. Oft sind sie einfach Teil des Alltags oder sie tauchen gerade dann auf, wenn wir nicht mit ihnen rechen.

Viele Menschen versuchen, sich ihre eigene kleine Welt zu schaffen, in die nur das hinein darf, was sie für »richtig« und »gut« befunden haben. Das ist wohl das, was man eine Parallelwelt nennt. Dies erfordert einerseits einen sehr hohen Aufwand, alles was von »da draußen« kommt fernzuhalten und sich abzuschirmen. Andererseits beschränkt man dadurch seinen eigenen Horizont und hält viele wunderbare Möglichkeiten ab, die einem die »große bunte Welt« bieten könnte.

Niemand sollte gezwungen werden, sich lange einer Situation auszusetzen, in der er oder sie sich nicht wohlfühlt. Es ist allerdings auch nicht ratsam, jegliche Situationen, in denen man sich eventuell unwohl fühlen könnte, von vornherein abzublocken.

Echte Vielfalt hat viel mit Freiheit zu tun. Die Freiheit, so sein zu dürfen, wie man gerne sein will und auch andere so sein zu lassen, wie sie gerne sein wollen. Eine Vielfalt, die Toleranz und Respekt beinhaltet und die die Welt zu einem spannenden und bereichernden Ort macht.

Wir Freilerner-Eltern wollen Freiheit für unsere Kinder, damit sie wachsen, lernen und eigene Entscheidungen treffen können. Wir gestehen ihnen zu, dass sie ihren eigenen Weg gehen. Dies kann jedoch nur dann geschehen, wenn wir uns auch auf die gesellschaftliche Vielfalt einlassen. Wir müssen bereit sein, über unsere eigenen Anschauungen und Meinungen hinauszusehen und unseren Kindern eine wirklich freie Wahl zu lassen.

Freilernen bedeutet nicht, unseren Kindern nur das zuzugestehen, was wir selbst  für »gut« und »richtig« befunden haben. Das gilt vor allem, je älter und selbständiger sie werden. Um ihren Weg und Platz in dieser Welt zu finden, sollten wir bereit sein, ihnen die Welt in ihrer ganzen Vielfalt offenzuhalten. Wenn wir als Eltern eine Nische gefunden haben, die sich richtig für uns anfühlt und in der wir uns wohlfühlen, dann ist das schön für uns. Aber es sollte nicht bedeuten, dass wir unsere Kinder darauf beschränken. Ihnen sollte all das offen stehen, wofür sie sich interessieren, das sie ausprobieren möchten und das sie anzieht, auch wenn es nicht unseren eigenen Ansichten entspricht. Sie sollten die Freiheit haben, den unterschiedlichsten Menschen zu begegnen und sich auf sie einzulassen, auch wenn diese uns persönlich nicht zusagen.

Wir müssen darauf vertrauen, dass unsere Kinder durch die Bindung und die liebevolle, tolerante und freie Umgebung, in der sie aufwachsen, stark genug geworden sind, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihre eigenen Abenteuer zu erleben. Dass sie aus jeder Situation und jeder Begegnung etwas für sie wertvolles mitnehmen können und dass sie auch weiterhin stetig wachsen und lernen werden. Wir sollten ihnen keine Hindernisse in den Weg stellen, sondern nach wie vor für sie da sein, wenn sie uns brauchen, sie auf ihrem Weg begleiten ohne die Richtung  vorzugeben und sie mit offenen Armen und Ohren empfangen, wenn sie uns von ihren Erfahrungen in der Welt der Vielfalt berichten.

Unsere Kinder werden ihren Weg gehen – er wird vielleicht nicht der gleiche Weg sein, den wir gewählt haben; sie werden vielleicht Dinge tun, die wir nicht tun würden und Freunde finden, die wir uns nicht aussuchen würden – doch es wird IHR EIGENER Weg sein. Ihr Weg der Erfüllung, den sie als FREI-LERNENDE und -LEBENDE Menschen aus all der Vielfalt, die sich ihnen bietet, wählen. Was könnte es Schöneres geben!

Text: Nina Downer

Dieser Artikel erschien erstmals im Jahr 2015 in der Freilernerzeitschrift Heft 68 – Gesellschaftliche Vielfalt – vielfältige Gesellschaft.

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