Mehrsprachigkeit

Wie unsere Kinder mit vier Sprachen aufwachsen

Unsere Kinder verstehen und sprechen vier Sprachen. Darüber staunen andere Menschen häufig und auch ich selbst finde es immer wieder faszinierend. Formelles Lernen im Sinne von Unterricht oder Sprachkurse als Buch, CD oder App haben dabei keinerlei Rolle gespielt. Vielmehr hat sich die Mehrsprachigkeit aus unseren Lebensumständen ergeben, aus der Begegnung mit Menschen, die diese Sprachen sprechen, und dem Bedürfnis der Kinder, ein Teil des Geschehens zu sein, zu kommunizieren und Beziehungen aufzubauen.

Meine Erstsprache ist Deutsch, mein Mann ist zweisprachig aufgewachsen, mit dem Schwerpunkt auf einem englischen Creole (genannt Guari Guari, dem jamaikanischen Patois ähnlich) und zusätzlich noch Spanisch (der offiziellen Sprache seines Heimatlandes Panama).

Innerhalb unserer Familie sprechen wir sowohl Deutsch als auch Guari Guari. Verstanden haben die Kinder von Anfang an beides, Guari Guari gesprochen haben sie erst, als wir mehrere Monate in der Heimat meines Mannes verbracht haben. Damals hatten sie auch schon Spanisch gehört und einzelne Wörter nachgesagt, es hatte sich jedoch noch kein sichtbares Sprachverständnis dafür entwickelt. Ich denke, es gab für sie auch noch kein wirkliches Interesse, Spanisch zu lernen, da zu diesem Zeitpunkt alle wichtigen Bezugspersonen der Kinder entweder Deutsch oder Guari Guari gesprochen haben.

Seit 2013 leben wir nun dauerhaft in Panama, die Kinder waren zum Zeitpunkt des Umzugs 7, knapp 6 und 2,5 Jahre alt. Die folgenden zwei bis drei Jahre lang haben sie nach wie vor nur einzelne spanische Wörter gesprochen und verstanden. Ihre Begegnung mit ausschließlich Spanisch sprechenden Menschen war beschränkt auf eigenständige Einkäufe in einem Geschäft im Dorf, dem Lauschen von Unterhaltungen, die ihr Papa mit Touristen oder Angestellten führte, und Ausflüge auf die Nachbarinsel, bei denen ich mich auf Spanisch unterhielt. Darüber hinaus haben sie Fernsehen auf Spanisch geschaut, hauptsächlich Tierdokumentationen, Sportsendungen und Zeichentrickserien.

Zugegebenermaßen hatte ich erwartet, dass sie die Sprache schneller lernen würden und mir auch ein bisschen Sorgen gemacht, dass sie als Panamaer die Hauptsprache des Landes nicht können. Doch dann zeigte sich, dass diese Angst vollkommen unbegründet war, als zunehmend konkrete Impulse zum Ausprobieren und Ausweiten ihrer Spanischkenntnisse in den Alltag kamen. So hatte sich Lucio mit einem neuen Nachbarsjungen angefreundet, der vom Festland auf die Insel gezogen war, und nur Spanisch sprach. Da waren nun zwei 5-Jährige ins Legospiel vertieft, jeder erzählte in einer anderen Sprache und doch verstanden sie sich und je mehr Zeit sie miteinander verbrachten, desto mehr Wörter übernahmen sie jeweils vom anderen. Für Leif und Joshua war es ihre zunehmende Leidenschaft fürs Surfen, die sie mit Jugendlichen in Kontakt brachte, die hauptsächlich Spanisch untereinander sprachen. Zusätzlich wurde mit zunehmendem Alter der Aktionsradius unserer beiden älteren Söhne größer, wodurch sie immer häufiger in Situationen kamen, in denen sie Spanisch sprechen mussten, wenn sie sich verständigen wollten, z.B. bei eigenständigen Ausflügen auf die Nachbarinsel. So wurde plötzlich sichtbar, welch großen Wortschatz unsere Kinder sich innerlich bereits angeeignet hatten und wie schnell nun auch die Grammatik die richtige Form annahm. Ihre Aussprache ähnelte in Rekordzeit der von Muttersprachlern, definitiv ein Vorteil wenn man eine Sprache in jungen Jahren erlernt, als Erwachsener ist das meistens nicht mehr möglich. Mit zunehmender Anwendung der Sprache ist auch das Selbstvertrauen in ihre Kenntnisse gewachsen und heute sprechen sie Spanisch zwar (noch) nicht vollkommen fehlerfrei, aber mit vollkommener Ungezwungenheit und Leichtigkeit.

Englisch haben unsere Kinder während der letzten Jahre irgendwie noch nebenbei gelernt. Das vor Ort gesprochene Creole basiert zwar auf Englisch, wird von den allermeisten englischsprachigen Besuchern allerdings kaum verstanden. Ich finde den Unterschied zwischen Deutsch und Schweizerdeutsch als Vergleich ziemlich passend. Durch den Kontakt zu Einwanderern aus den USA und Großbritannien und englischsprachigen Touristen haben unsere Kinder Englisch mehr oder weniger „aufgeschnappt“. Das Anschauen von originalsprachigen Videoclips und Filmen im Internet hat sie dazu animiert, ihre Aussprache zunehmend zu amerikanisieren. Dies wird im Spiel bevorzugt als amüsantes Element eingesetzt, z.B. wenn der Kommentator eines Wrestlingkampfes lautstark imitiert wird oder jemand auf besonders coole Art und Weise sein Gegenüber mit „Hey man, what’s up dude?!“ begrüßt. Dadurch wird die Vielsprachigkeit noch verstärkt zu einem grundlegenden und selbstverständlichen Teil des Alltagslebens, spielerisch, mit Leichtigkeit und weit entfernt von jeglicher Didaktik.

Unsere Erfahrungen stimmen mit dem überein, was im Buch Wie Kinder heute wachsen von Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther auf den Punkt gebracht wird:

[…] kleine Kinder [können sich eine] Sprache (ob Mutter- oder Fremdsprache) perfekt und ohne jede Anstrengung aneignen. Komplizierter wird es erst, wenn man sich die Bedingungen anschaut, unter denen dieses Lernen gelingt – es sind die gleichen, die für den Erwerb der Muttersprache gelten, und sie haben mit einem Lernen im didaktischen Modell nichts und rein gar nichts zu tun. Kleine Kinder „lernen“ eine Fremdsprache, wenn diese a) sehr häufig und regelmäßig, b) von einer emotional zugewandten Bezugsperson, c) im normalen Lebenskontext (für Kinder ist das vor allem das Spiel) und d) in muttersprachlicher Sicherheit gesprochen wird. Ja, dieses Lernen fällt den Kindern leicht, aber anders als bis vor Kurzem noch von manchem „Bildungsexperten“ angenommen, lernen Kinder Fremdsprachen nur im Rahmen funktionierender, verlässlicher, alltäglicher Beziehungen. Diesen Rahmen nutzen die Kinder für ein selbst initiiertes, selbst organisiertes Lernen – ein Selbststudium im wahrsten Sinn des Wortes. (S. 191)

Text: Nina Downer

Dieser Artikel erschien erstmals im Jahr 2018 in der Freilernerzeitschrift Heft 81 – Sprache – Sprechen, Lesen, Schreiben.

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