gesellschaftlicher Wandel,  Studien

Ein Interview über das Bedingungslose Grundeinkommen

Nina Downer im Gespräch mit Malina Günzel

Hallo Malina, ich freue mich sehr, dass du heute für uns einige Fragen zum bedingungslosen Grundeinkommen beantwortest. Du arbeitst für den Verein Mein Grundeinkommen e.V. Kannst du unseren Leser*innen den Verein und seine Arbeit kurz vorstellen?

Hallo Nina, ja, das mache ich sehr gerne. Den gemeinnützigen Verein Mein Grundeinkommen gibt es seit dem Sommer 2014. Er wurde damals ins Leben gerufen, um auf die Frage, ob wir als Gesellschaft ein Bedingungsloses Grundeinkommen wollen und können, ein “Lass es uns einfach ausprobieren!” zu antworten.
Mein Grundeinkommen sammelt per Crowdfunding Spenden und immer wenn 12.000 Euro zusammen sind, verlosen wir diese als einjährige Grundeinkommen (1000 Euro pro Monat).
Durch Mein Grundeinkommen können wir testen, wie Grundeinkommen wirken kann, können lernen, welche Erfahrungen Menschen mit Grundeinkommen machen und schaffen dadurch eine lebendige Gesprächsgrundlage. Damit beleben wir die öffentliche Debatte ums Bedingungslose Grundeinkommen immer wieder mit neuen Impulsen.

In deiner Kurzbio habe ich gelesen, dass du über ein bedingungsloses Praktikum zum Verein Mein Grundeinkommen gekommen bist. Das hört sich spannend an! Was genau ist denn ein bedingungsloses Praktikum und inwiefern unterscheidet es sich von einem normalen Praktikum?

Das bedingungslose Praktikum unterschied sich sehr von Praktika, von denen ich von Freund*innen und Bekannten hörte – es war also wirklich kein “normales” Praktikum. Ich bekam Geld – 1000 Euro im Monat. In der sogenannten “Generation Praktikum” sehr ungewöhnlich. Diese 1000 Euro wurden mir am Anfang des Monats bezahlt. Ich musste mich nicht erst beweisen oder eine Leistung vorweisen, sondern hatte diese Bezahlung sicher.
Außerdem war es mir völlig freigestellt, was ich in meiner Praktikumszeit mache und wie ich sie gestalte. Ich konnte mir aussuchen, in welche Bereiche ich reinschnuppern, wo ich mitarbeiten wollte. Auch meine Zeiten konnte ich mir frei wählen und wenn ich nicht wollte, brauchte ich gar nicht auftauchen.
In letzter Konsequenz hätte ich also die gesamte Praktikumszeit (6 Monate) zu Hause sitzen und trotzdem die Praktikumsbescheinigung und das Geld bekommen können. Kurzum: Das hätte mich nicht glücklich gemacht – das Mitarbeiten und Mitgestalten waren mir wichtig.

Ich habe auch gelesen, dass es noch andere neue Formen von Arbeit und Selbstorganisation innerhalb der Vereinsstruktur bei Mein Grundeinkommen gibt? Wie können wir uns das vorstellen – wie sieht das in der Praxis aus?

Ja, das stimmt, wir erproben team-intern ein neues Arbeiten miteinander. Dazu zählt zum Beispiel, dass wir ohne Chef oder Chefin arbeiten, somit sind wir alle für “den Laden” verantwortlich. Ich bekomme also keine Aufgaben auferlegt, sondern habe die Freiheit, nach bestem Gewissen die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – natürlich in Absprachen mit meinen Kolleg*innen. Unser Anspruch ist es, hierarchiefrei zu arbeiten und stattdessen nach der besten situativen Kompetenz zu entscheiden.

Außerdem sind wir flexibel in der Verteilung unserer Arbeitszeiten und der Wahl unseres Arbeitsortes. Das ermöglicht uns, ganz nach unserem individuellen Energielevel tätig zu sein. So sind manche gerne schon früh im Büro, andere arbeiten lieber später. Manche möchten vier Tage in der Woche arbeiten, andere lieber noch einen Tag dazu nehmen und dafür früher Feierabend haben. Manche brauchen das Büro und seinen Trubel, andere eher die Ruhe des Homeoffice.
Mit unserem neuartigen Arbeitsmodell möchten wir auf die Bedürfnisse des*der Einzelnen eingehen, ohne die Bedürfnisse der gesamten Organisation zu vernachlässigen. Das flutscht nicht einfach so, sondern ist ein tägliches Lernen und Ausprobieren.

Im 2019 erschienen Buch “Was würdest du tun?” wird erzählt, wie der Erhalt von 1000 Euro bedingungslosem Grundeinkommen pro Monat für den Zeitraum von 1 Jahr das Leben von 24 Gewinner*innen verändert hat. Ich fand das Buch wirklich spannend und an vielen Stellen auch sehr berührend. Die Gewinner*innen sind vielfältig, darunter Obdachlose, Studenten, Unternehmer, aber vor allem auch viele Menschen, die man wohl als „normaler Durchschnitt“ bezeichnen würde. Gibt es Befragungen oder Studien, aus denen hervorgeht, welche Menschen sich besonders für das bedingungslose Grundeinkommen interessieren und eventuell auch aktiv dafür einsetzen?

Bisher konnte ich noch keinen Prototypen eines*r Befürworter*in des Bedingungslosen Grundeinkommens ausmachen. Auch ich mache die Erfahrung, dass sich die Gewinner*innen, mit denen ich spreche, in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen befinden und verschiedene Hintergründe haben. Von Baby bis Rentner*in, von freiberuflich bis angestellt, von Künstler*innen bis Verwaltungstechniker*innen, von sehr wohlhabend bis in prekärer Finanzlage ist alles dabei.
Ich konnte immer wieder feststellen, dass das Thema Grundeinkommen und auch die Frage “Was würdest du tun, wenn du plötzlich Grundeinkommen hättest?” bei sehr vielen Menschen etwas in Bewegung setzt, bei allen, möchte ich fast meinen.

Viele Menschen glauben, dass durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens kaum einer mehr arbeiten wollen würde. Hier zeigt sich eine Parallele zur Kritik an der selbstbestimmten Bildung, da viele Menschen ebenfalls glauben, dass ein Kind ohne Ansporn von außen (z.B. in Form von Bestrafung/Belohnung) oder Zwang nicht lernen wollen würde. In beiden Fällen wird an der intrinsischen Motivation und dem Wunsch des Menschen, kreativ und produktiv zu sein, gezweifelt. Was zeigen die Erfahrungen von Mein Grundeinkommen in Bezug auf dieses Thema?

Oh, das finde ich eine spannende Verknüpfung, die ich so auch sehe. Bei der Fragestellung, ob Menschen mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen nicht mehr arbeiten wollen würden, finde ich die Doppel-Perspektive sehr interessant: Viele glauben zwar, die anderen würden aufhören zu arbeiten, fragt man aber genau diese Menschen nach ihrem eigenen Vorgehen, antworten die allermeisten, dass sie weiterarbeiten würden.
In Gesprächen mit Gewinner*innen habe ich erfahren, dass sie die Sicherheit und Entspannung, die ihnen das Grundeinkommen schenkt, eher in ihrer Selbstwirksamkeit stärkt. Einige engagieren sich gesellschaftlich mehr, der Schritt in die Selbstständigkeit wird leichter, Zeit für die Familie (care-Arbeit) findet seinen Platz und ein Arbeiten mit weniger Sorgen wird möglich.

Ich persönlich sehe das bedingungslose Grundeinkommen als Chance für mehr Selbstbestimmung im Leben. Viele Menschen machen ihre Arbeit ausschließlich wegen der finanziellen Entlohnung. Das ist sehr schade und wirkt sich negativ sowohl auf die Qualität der Arbeit als auch auf die psychische und physische Gesundheit der einzelnen Menschen und der Gesellschaft insgesamt aus. Ist es so, dass die Gewinner*innen von Mein Grundeinkommen sich tatsächlich verstärkt Tätigkeiten zuwenden, die ihnen wirklich Freude machen und in denen sie Erfüllung und einen Lebenssinn finden?

Ja, viele Gewinner*innen besinnen sich auf das, was ihnen Freude macht und darauf, wie sie tätig sein wollen. Sie bestimmen die Rahmenbedingungen ihres Tätigseins. Das kann ganz unterschiedliche Gestalt annehmen: Zum Beispiel hat sich ein Gewinner mit dem Grundeinkommen seinen Traum von einer Selbstständigkeit erfüllt – das ausgearbeitete Konzept hierfür lag schon lange in seiner Schublade, es war ihm ohne Grundeinkommen aber zu unsicher. Eine andere Gewinnerin hat sich wieder bewusst für ihr Studium entschieden – Freunde schlugen ihr vor, sich mit dem Grundeinkommen doch ein Urlaubssemester zu nehmen, sie könne sich ja zurücklehnen, stattdessen entschied sie sich bewusst für das Studium. Eine andere Gewinnerin engagierte sich mit dem Grundeinkommen in ihrem Wohnort – sie hatte das schon lange vor, verspürte aber erst mit dem geschenkten Grundeinkommen eine Art gesellschaftlichen Auftrag.

Was ist mit den Menschen, die nicht wirklich wissen, was sie im Leben eigentlich möchten? Viele Menschen erscheinen perspektivlos, scheinen nicht zu wissen, wie sie ihrem Leben einen tieferen Sinn geben können. Manche haben eine extreme “Null-Bock-Haltung” entwickelt und erscheinen absolut faul und antriebslos. Dies ist meiner Meinung nach hauptsächlich eine Folge davon, dass den meisten Menschen seit ihrer Kindheit vorgeschrieben wurde, mit was sie sich beschäftigen sollen, und dass meistens Leistung und Bewertung im Vordergrund standen. Die eigenen Wünsche und so manche Talente wurden dadurch in den Hintergrund geschoben oder gingen komplett verloren. Wie kann das bedingungslose Grundeinkommen dazu beitragen, dass Menschen wieder mehr mit sich selbst in Einklang kommen und eine neue Perspektive und Tatendrang finden können?

Wir machen die Erfahrung, dass Menschen in den ersten Monaten auch durchaus überfordert sein können mit ihrem Grundeinkommen. Sie verspüren den Druck, etwas besonders Sinnvolles damit zu machen oder meinen, sie könnten nichts beitragen. Diese Überforderung schwindet aber meistens – es tritt eine Gewöhnung ans Grundeinkommen ein. Die Menschen können der Bedingungslosigkeit immer mehr Glauben schenken. Durch die Erfahrung der Bedingungslosigkeit (die ja ansonsten gesellschaftlich kaum mehr vorkommt), werden Gewinner*innen mit sich selbst und ihren eigenen Entscheidungen konfrontiert. Um so mehr Zeit sie in dieser Bedingungslosigkeit verbringen können, desto mehr kommen sie zu einer selbstbewussten und selbstermächtigten Gestaltung.

Manche Gewinner*innen geben das Geld für Dinge aus, die als nicht sinnvoll oder als Luxusgüter eingestuft werden. Doch oft geht es dabei eigentlich um tieferliegende Bedürfnisse und Sehnsüchte. Kannst du dazu etwas mehr berichten?

Es stimmt, dass sich manche Gewinner*innen mit ihrem Grundeinkommen ein Auto kaufen, shoppen gehen oder eine Hausrenovierung bezahlen. Das sind Beispiele, die vielleicht als “das muss ja nicht sein” eingestuft werden könnten. Dieser Gedanke kommt bei mir aber nicht auf, weil diese scheinbaren Luxus-Ausgaben immer in einer Geschichte eingebettet sind. So wird das Auto gebraucht, um die pflegebedürftige Mutter ein Dorf weiter einfacher und regelmäßiger zu besuchen. Die Shopping-Tour wird zum gemeinsamen Familien-Erlebnis und die Renovierung wird im Hinblick auf das kommende Alter getätigt.
Uns ist es das Wichtigste, dass das Grundeinkommen wirklich bedingungslos ist. Was Menschen mit ihrem Grundeinkommen anstellen, obliegt komplett ihrer Entscheidung und ich persönlich habe bisher jeder*jedem Gewinner*in das Grundeinkommen gegönnt.

Zwei starke negative Gefühle stechen sowohl im Buch als auch in der allgemeinen Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen heraus: Neid/Missgunst und (Existenz-)Angst. Woher, meinst du, stammen diese Gefühle? Und auf welche Art und Weise könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle dazu beitragen, diese in positive Gefühle umzuwandeln?

Ich denke, dass das Gefühl von Neid und Missgunst seinen Ursprung in einem gefühlten oder erlebten Mangel hat. Hier könnte das Grundeinkommen helfen, die Voraussetzungen für alle anzugleichen und allen ein Existenzminimum zu garantieren. Die Angst vor dem existenziellen Mangel könnte so auch verschwinden. Wenn sich jede*r in seiner*ihrer Existenz sicher fühlen würde, könnte das positive Gefühle wie Wohlwollen und Vertrauen stärken.

Im Buch ist unter anderem vom “Grundeinkommensgefühl” die Rede. Kannst du unseren Leser*innen beschreiben, was damit gemeint ist?

Das Grundeinkommensgefühl ist eine Bündelung von verschiedenen Emotionen: Es bedeutet, die Freiheit zu spüren, Entscheidungen zu fällen, sich stark und mutig zu fühlen, angstfrei und entspannt zu sein und dem Leben mit Rückhalt entgegentreten zu können.

Ein Satz aus dem Buch, der mich sehr berührt hat, lautet: “Wem gegönnt wird, der kann auch gönnen”. Darin kommt die Dankbarkeit für die geschenkte Chance und ein starkes Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck. Konntet ihr dieses Gefühl bei vielen der Gewinner*innen beobachten? Und warum kann dies nicht durch die gängigen staatlichen Sozialleistungen hervorgerufen werden?

Ja, wir konnten diese Beschreibung einer großen Dankbarkeit und das Gefühl von Gemeinschaft schon von sehr vielen Gewinner*innen hören. Für viele ist es ein unglaubliches Gefühl, dass sie von ihnen unbekannten Menschen Geld bekommen – ohne dass ihnen dadurch etwas auferlegt ist. Sie fühlen sich direkt mit ihnen verbunden, fühlen sich von einer Gemeinschaft akzeptiert und aufgenommen.
Ich denke, dass dieses Gemeinschaftsgefühl mittels Sozialleistungen nicht entsteht, weil diese an Bedingungen geknüpft sind – so fühlt sich der*die Einzelne eher schuldig, wenn er*sie dieses Geld in Anspruch nehmen muss.

Eines der am häufigsten vorgebrachten Argumente gegen das bedingungslose Grundeinkommen, ist die Frage der Finanzierung. Viele befürchten, dass wenn es wirklich eingeführt werden würde, die Steuern extrem erhöht werden würden oder die Preise so stark steigen würden, dass der einzelne Mensch dann gar nicht mehr so viel davon hätte. Was würdest du auf solche Kritik antworten? Und wie könnte ein bundesweites bedingungsloses Grundeinkommen tatsächlich finanziert werden?

Ja, auch wir hören die Kritik der Unmöglichkeit einer Finanzierung häufig. Ich selbst brauchte etwas Zeit, um zu verstehen, dass die Grundeinkommensfinanzierung kein monetärer Mehraufwand ist. Das Geld ist schon da, wird nur anders verteilt und eingesetzt.
Es gibt verschiedene Modelle für die Einführung eines Grundeinkommens, sie basieren aber stets auf einer Finanzierung durch Steuern. So bekommen zwar am Anfang des Monats alle denselben Betrag auf ihr Konto gespielt, durch eine Steuer, beispielsweise Einkommensteuer, wird der gemeinsame gesellschaftliche Geldtopf aber wieder gefüllt.
Dabei hätten Geringverdienende mehr, Angehörige der so genannten Mittelschicht etwa gleich viel und Vielverdienende etwas weniger Geld als derzeit zur Verfügung.

Was würdest du aus deiner Erfahrung heraus sagen, um was es beim bedingungslosen Grundeinkommen wirklich geht? Steht tatsächlich der Erhalt von Geld im Vordergrund? Oder geht es eigentlich um etwas ganz anderes wie z.B. die Neustrukturierung der Gesellschaft, eine neue Definition von Arbeit etc.?

Von dem, was mir Gewinner*innen erzählen, schließe ich, dass es tatsächlich gar nicht vorrangig um den Geldbetrag an sich geht, sondern um die Komponenten, die der Gewinn mit sich bringt. Viele berichten von einer Sicherheit durch das Grundeinkommen, die sie besser schlafen, stressfreier, zufriedener und mutiger sein lässt. Hierbei geht es dann gar nicht darum, dass 1000 Euro mehr auf dem Konto sind, sondern eher darum, dass der*die Gewinner*in nicht unter diesen Betrag fallen kann. Diese Sicherheit ist selbst für Menschen mit hohem Einkommen wichtig.
Es macht auch einen Unterschied, dass das Geld bedingungslos gegeben wird. Das Vertrauen, das die Spender*innen damit verschenken, verändert sehr viel. Die Gewinner*innen müssen sich nicht erst beweisen, sondern haben ein gegebenes Existenzrecht und sind in der Gesellschaft aufgenommen.
In diesem Sinne verändert das Grundeinkommen unsere gesellschaftliche Verbundenheit und Bezugnahme aufeinander.

Findest du, dass man die grundlegenden Eigenschaften des bedingungslosen Grundeinkommens, allen voran der Vertrauensvorschuss der durch die Bedingungslosigkeit entsteht, auch auf das Bildungssystem übertragen sollte? Wie könnte dies im Konkreten aussehen?

Hier kann ich natürlich nur Vermutungen anstellen. Aber ja, ich finde, dass Bildung immens viel mit Vertrauen zu tun hat. Bildung in ihrem transformierenden Charakter, braucht ein Vertrauensnetz. Erst hierdurch wird ermöglicht, dass ich mich in einen Prozess des Forschens, Scheiterns und der Neugierde begeben kann. Klar, kann ich auch das Einmaleins durch Druck und in einer misstrauischen Atmosphäre lernen, aber erst durch Selbst- und Fremdvertrauen kann ich meine Leidenschaft für Zahlenrätsel entdecken.
Für das Bildungssystem könnte ich mir vorstellen, dass Räume des Ausprobierens geschaffen werden – Experimentierräume, Werkstätten oder auch Frei-Stunden, in denen es kein Programm gibt.

Glaubst du, dass Deutschland bereit ist für das bedingungslose Grundeinkommen als Gesellschaftsmodel?

Ob die Gesellschaft bereit ist, vermag ich nicht zu sagen. Vermutlich wird es diesen fertigen Zustand auch nicht geben – das Bedingungslose Grundeinkommen ruft stets Aushandlungen hervor und auch wenn wir ein Bedingungsloses Grundeinkommen einführen, braucht es weiterhin gesellschaftliche Gestaltungsarbeit.
Die Zustimmung zum Bedingungslosen Grundeinkommen und der Wunsch danach wird immer größer. Das stimmt mich optimistisch, dass wir uns zukünftig ein Bedingungsloses Grundeinkommen für alle erlauben werden. Und bis dahin heißt es: Ausprobieren! Ein weiterer Schritt in die Richtung eines Grundeinkommens für alle ist unser 2021 startendes Pilotprojekt. Mit diesem Modellversuch wollen wir weitere Indizien sammeln, wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen gesellschaftlich wirkt. Ich bin gespannt.

Vielen Dank für dieses Interview, Malina!

Vielen Dank für deine Fragen!

Angetrieben von der Frage, wie wir als Gesellschaft in Zukunft leben wollen, experimentiert die junge NGO (Nichtregierungsorganisation) Mein Grundeinkommen mit neuen Formen von Selbstorganisation und kollektiver Führung (Holacracy) und untersucht gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im weltweit ersten zivilgesellschaftlichen Pilotprojekt das Bedingungslose Grundeinkommen nach wissenschaftlichen Standards.
Über 600 Bedingungslose Grundeinkommen à 12.000 Euro hat Mein Grundeinkommen bereits vergeben. Mehr als 145.000 Groß- und Kleinstspender*innen machen es möglich, dass jeden Monat in etwa 20 Bedingungslose Grundeinkommen verlost werden können. Von den mehr als 2 Millionen registrierten Nutzer*innen (davon 250.000 Kinder) nehmen durchschnittlich 600.000 an den regelmäßigen Verlosungen teil.
Sind Menschen bereit, jemand anderem eine Existenzgrundlage zu finanzieren – bedingungslos? Mit dieser Frage startete Michael Bohmeyer 2014 das erste Grundeinkommens-Experiment in Deutschland. Mit Hilfe eines einfachen Videos sammelte er via Crowdfunding das erste zu verlosende einjährige Grundeinkommen und gründete daraufhin den Mein Grundeinkommen e.V.
Mittlerweile besteht das Team aus 30 hauptamtlichen Aktivist*innen, die gemeinsam daran arbeiten, die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens mehrheitsfähig zu machen. Die junge NGO versteht sich selbst als Zukunftslabor zur Erforschung des Bedingungslosen Grundeinkommens und testet gleichzeitig neue Formen von Arbeit und Selbstorganisation innerhalb der eigenen Vereinsstruktur.

Fotos: Mein Grundeinkommen e.V.
Fotografen: Bild 1 – Christian Stoller, Bilder 2/3 – Fabian Melber

Dieser Artikel erschien erstmals im Jahr 2020 in der Freilernerzeitschrift Heft 88 – Die Freilerner-Bewegung.

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