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Spielen, Neurobiologie und Kreativität

“Immer dann, wenn wir zu spielen beginnen, öffnet sich uns eine Welt, in der all das verschwindet, was uns im alltäglichen Zusammenleben daran hindert, die in uns angelegten Potenziale zu entdecken und zu entfalten. Wenn wir wirklich spielen, erleben wir auch keinen Druck und keinen Zwang mehr, und wenn es nichts mehr gibt, was uns bedrängt, verschwindet auch die Angst. Deshalb fühlen wir uns immer dann, wenn wir spielen, lustvoll und frei.”

Spielen verstärkt unsere Lebensfreude!

Im Spiel verlieren wir unsere Angst!

Im Umkehrschluss lässt sich auch feststellen, dass Kinder sofort aufhören zu spielen, wenn sie unter Druck geraten (beispielsweise wenn sie spüren, dass sie beobachtet werden), wenn es ihnen nicht gut geht (weil sie krank sind oder ein Problem sie belastet) und wenn sie sich verunsichert fühlen oder Angst haben.

Im Spiel können wir

  • frei und unbekümmert denken und handeln
  • frei und unbekümmert wahrnehmen und erkennen
  • dabei Neues entdecken
  • das Spektrum unserer Möglichkeiten erkunden

Wenn Kinder viel, oft und auf vielfältige Weise spielen dürfen, wird ihnen Gelegenheit gegeben ihrer Entdeckerfreude und Gestaltungslust nachzugehen. Auf diesem Weg werden die am Lebensanfang in großem Überschuss angelegten Vernetzungen der Nervenzellen (Synapsen) im Gehirn stabilisiert und die in den Kindern angelegten Talente und Begabungen können zur vollen Entfaltung kommen.

Was genau passiert im Gehirn, wenn wir spielen?

  1. Der Sauerstoffverbrauch verringert sich. Dies liegt an der verminderten Aktivität der Nervenzellverbände im Bereich der Amygdala (das ist diejenige Hirnregion, die immer dann besonders aktiv wird, wenn wir Angst haben).
  1. Es kommt zu einer verstärkten Aktivierung all jener neuronalen Netzwerke, die gebraucht werden, um die jeweiligen Herausfordungen des betreffenden Spiels zu meistern. Je komplexer das Spiel ist, desto mehr solcher regionalen Netzwerke werden gleichzeitig aktiviert.
  1. Bei jeder gut bewältigten Aufgabe bzw. bei jedem gelungenen Spielzug werden bestimmte Neuronenverbände im Mittelhirn, die als “Belohnungszentren” bezeichnet werden, aktiviert, woraufhin besondere Botenstoffe freigesetzt werden. Diese Botenstoffe stimulieren dann bestimmte Netzwerke, woraufhin wir ein Gefühl von Freude oder gar Begeisterung erleben. Gleichzeitig wirken diese Botenstoffe auch wie Dünger auf die neuronalen Vernetzungen (Synapsen) und haben somit einen wachstumsstimulierender Effekt auf selbige. Dadurch können im Gehirn neue Netzwerke geschaffen und bereits bestehende Netzwerke weiter ausgebaut und nachhaltig verankert werden.

Warum spielen wir Menschen so gerne?

Die Lust am Spielen lässt sich darin begründen, dass dabei im Idealfall unsere zwei starken Grundbedürfnisse Freiheit/Autonomie und Verbundenheit/Gemeinschaft gleichzeitig befriedigt werden. Auch die Angstfreiheit spielt eine entscheidende Rolle dabei, warum wir Menschen so gerne spielen. Dies sind alles Erfahrungen, die wir bereits im Mutterleib machen konnten und die uns im Leben stark antreiben. Im Spiel können wir erleben, dass es möglich ist, sich mit anderen gleichzeitig verbunden und frei zu fühlen.

Wenn Kinder mit anderen zusammen spielen, legen sie selbst Regeln fest, weil das Spielen dann mehr Freude macht.

“Das Regelwerk muss jedem Einzelnen die Möglichkeit bieten, sich innerhalb der Spielregeln frei zu fühlen, seine kreativen Potenziale zu entfalten, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vervollkommnen, sein Wissen und Können zu erweitern, sich also spielerisch weiterzuentwickeln.

Das geht zur Not auch allein, aber deutlich mehr Freude erleben wir, wenn wir mit anderen zusammen spielen.”

Was ist Kreativität?

Kreativität schein ein Potenzial zu sein, über das alle Lebewesen, und nicht nur wir Menschen, verfügen. Sie kann sich jedoch nur unter bestimmten günstigen Bedingungen entfalten: Es muss einen Spielraum geben. Der Kampf ums Dasein, Reproduktionsdruck, eine hohe Spezialisierung und starre Beziehungen sind dabei nicht fördernd.

Denn damit die in unterschiedlichen neuronalen Netzwerken verankerten Wissensinhalte, Kenntnisse und Erfahrungen auf eine andere, neuartige Weise miteinander verknüpft werden können, darf der Erregungszustand im Gehirn weder zu hoch noch zu niedrig sein. Das erklärt, warum weder Anstrengung, Druck oder starke Affekte, noch Motivationslosigkeit dabei helfen, auf eine neue, kreative Idee zu kommen.

“Spielerisch neue kreative Lösungen können nur diejenigen entwickeln, die, statt Einzelkämpfer zu werden, mit anderen zusammengeblieben sind, die, statt Spezialisten zu werden, Generalisten geblieben sind und die – statt ausdifferenziert und altersstarr zu werden – jung und undifferenziert geblieben sind.

Nur sie sind in der Lage, neuartige, bisher noch nicht entwickelte Beziehungen miteinander und mit anderen einzugehen und sich dadurch Möglichkeiten zu erschließen, die keiner der beiden Beziehungspartner für sich allein zu entwickeln imstande gewesen wäre: und zwar durch spielerisches Ausprobieren dessen, was gemeinsam besser geht.”

Wir Menschen können nur dann ganz Mensch sein und das in uns angelegte schöpferische Potenzial zur Entfaltung bringen, solange wir immer wieder vielfältige Gelegenheiten finden, es auf spielerische Weise selbst zu entdecken und zu erproben.

Text: Nina Downer

Alle Informationen und Zitate in diesem Text stammen aus dem Buch “Rettet das Spiel!” von Gerald Hüther und Christoph Quarch, erschienen im Hanser Verlag, 2016.

Rettet das Spiel! – Weil Leben mehr als Funktionieren ist
von Gerald Hüther und Christoph Quarch
erschienen bei Hanser, 2016
*

Gerald Hüther und Christoph Quarch plädieren für die Wiederentdeckung des Spiels: für mehr Kreativität und Lebensfreude in Familie, Partnerschaft und Beruf.
Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Was Schiller einst dachte, bestätigt heute die Neurowissenschaft: Im Spiel entfalten Menschen ihre Potenziale, beim Spiel erfahren sie Lebendigkeit. Doch das Spiel ist bedroht – durch seine Kommerzialisierung ebenso wie durch suchterzeugende Online-Spiele. Der Hirnforscher Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch wollen sich damit nicht abfinden. Sie erläutern, warum unser Gehirn zur Hochform aufläuft, sobald wir es spielerisch nutzen, erinnern an die Wertschätzung des Spiels in früheren Kulturen und zeigen, welche Spiele dazu angetan sind, Freiräume für Lebensfreude zu öffnen – damit wir unsere spielerische Kreativität nicht verlieren!

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